Freitag, 12. Mai 2017

Heute zu Gast: Kara aus Rabenkönig - Im Schatten der Todessteine III



Heute schaut bei mir vorbei:
Kara - aus Rabenkönig. (Im Schatten der Todessteine III)

„Huhu Alice“
Kara lehnt sich neben mir auf den Schreibtisch und stützt sich mit den Ellbogen ab, während er gespannt auf den Bildschirm starrt.
„Hi Kara. Was führt dich denn zu mir?“ Ich lehne mich etwas zur Seite. Er ist so nah gerückt, dass er mir auf dem Arm hängt.
„Mir ist langweilig. Ilan musste ins Dorf, einkaufen. Da komme ich nicht gerne mit.“
„Nee?“
„Nee - die starren mich an und flüstern hinter meinem Rücken. Und wenn ich mal mit jemand plaudere, rollt Ilan mit den Augen.“
Jetzt rolle ich mit den Augen. „Die Eifersucht wird den noch auffressen und die Leute starren nur, weil du so ein hübscher Kerl bist, da bin ich mir sicher.“
Nun, Kara wirkt auffällig auf die Dorfbewohner, kein Wunder. Er ist ein bisschen zu hübsch für einen Menschen und ein wenig merkt man ihm immer noch an, dass er einmal ein Rabe war. In diesem Augenblick streckt er den Kopf wie ein Vogel in meine Richtung.
„Du“, sagt er und zeigt mit dem ausgestreckten Finger auf mich. „Bist ganz schön faul!“
Erwischt ziehe ich den Kopf zwischen die Schultern, weiß aber nicht genau, was er meint. Trotzdem, auf faul reagiere ich sofort.
„Du hängst bei mir ab, hältst mich von der Arbeit ab, anstatt dich nützlich zu machen, und nennst mich faul?“, sage ich in einem Versuch, den Spieß, umzudrehen. „Ilan freut sich sicher, wenn du die Jagdmesser schleifst!“
Kara verengt die Augen zu Schlitzen und verzieht seinen Mund. Ich muss grinsen. Er wirkt nur niedlich, kein bisschen bedrohlich.
„Die habe ich heute Morgen schon geschliffen! Und alle Stiefel habe ich poliert. Was hast du denn schon geleistet?“
Mist! Der Kleine ist ganz schön erwachsen geworden. Ich überlege, trommele leicht mit den Fingerspitzen auf die Tastatur, ohne zu tippen. Ja, was genau habe ich heute eigentlich geleistet, außer mich vor dem Ende von Lord of Roses gedrückt?
„Bis zum Mittag habe ich in meinem anderen Job gearbeitet“, verkünde ich stolz. „Und eingekauft habe ich heute auch schon.“
„Das ist doch Stunden her! Seither hängst du nur rum, und tust so, als würdest du über neue Geschichten nachdenken - gib’s zu!“ Er neigt den Kopf zur Seite und sieht mich skeptisch an, streift sich eine lange schwarze Haarsträhne hinters Ohr. „Was ist das überhaupt?“ Er tippt mit dem Finger auf den Bildschirm.
„Meine aktuelle Geschichte.“ Ich schlucke und rücke noch ein Stück ab. Muss dieser Rabenjunge immer so direkt sein?
„Ein Abenteuer für uns?“ Seine dunklen Augen leuchten. Aufgeregt kommt er noch näher zum Bildschirm, als würden dort Geheimnisse und Aufträge auf ihn warten.
„Noch nicht“, gestehe ich. „Diese Story spielt in London. Ein junger Autor mit multipler Sklerose trifft auf einen Bauarbeiter.“
„Erleben die auch Abenteuer?“
„Eine Menge.“ Ich tue so, als studiere ich das Dokument auf dem Bildschirm. „Bis Sonntag bin ich fertig.“
„Weißt du, wem auch langweilig ist?“ Kara richtet sich auf, und setzt sich auf den Schreibtisch.
„Mir jedenfalls nicht. Bis Ende des Jahres habe ich genug zu tun.“ Ich tippe ein paar zusammenhanglose Buchstaben, um beschäftigt zu wirken.
„Wann sind wir denn mal wieder dran?“
Er zieht an meinem Zopf. Sofort mache mir eine Gedanken-Notiz: Ilan kontaktieren, der soll Kara von jetzt an mit zum Einkaufen nehmen!
„Sei doch froh, wenn es zwischen den Todessteinen mal ruhig ist. Geh jagen, lies Bücher, triff deine Freunde und kuschel mit Ilan.“
„Mach ich alles! Sami und Kalen kommen oft zu ins in den Wald, manchmal bringen sie auch Talin, Jannis und Tiam mit. Und Juris schafft es auch ab und zu. Aber wir haben alle das Gefühl, hinter den Todessteinen, da stimmt etwas nicht.“ Er zieht eine Grimasse. „Und Talin sagt - in Grünthal braut sich was zusammen. Der muss es wissen, als König.“
„Hab ich auch gehört“, rutsch es mir heraus. Unter einem Seufzen bereue ich die Worte.
„Jaaa?“ Er lächelt aufgeregt. „Dann erzähl es doch endlich!“
„Frag Sami. Der weiß alles“, verweise ich auf den mächtigen Magier.
„Der redet ja nicht viel, eigentlich gar nichts - na ja, fast! Er meint, die Herren der Burg nutzen Magieverstärker, um zu verschleiern, was dort los ist. Die wissen sicher vom Rabenkönig, dass Sami sie im Auge hat.“
Ah, er ist ein schlauer Junge. Ich blinzele zu ihm.
„Dunkle Wolken ziehen in Grünthal auf, eigenartige Dinge geschehen“, unke ich geheimnisvoll. Karas Augen werden immer größer. Wie dunkle Edelsteine blitzen sie mich erwartungsvoll an.
„Im kommenden Winter schreibe ich alles auf, was ich aus Grünthal und Umgebung gehört habe, ich verspreche es! Ich habe nämlich Kontakt zu Schmutzleuten aus Talweiler.“
„Schmutzleute?“
Ich seufze betroffen. „So nennt man in Grünthal, Menschen mit Behinderungen, diverser Art. Dort geht es grausam zu - sei froh, dass du in Valan lebst. Diese Leute haben sich zusammengeschlossen, um nicht zu verhungern. Sie betteln, singen, tanzen, führen Kunststücke auf, alles für ein paar Groschen, oder ... erzählen Geschichten im Wirtshaus.
„Gehörst du auch zu ihnen?“
„Weil ich Geschichten erzähle?“ Grinsend lehne ich mich im Stuhl zurück. Karas Logik ist einleuchtend. Er nickt. „Natürlich“, sagte ich. „Das ist der Grund, warum ich immer weiß, was zwischen den Todessteinen geschieht.“
„Erzählt das bloß bald!“, mahnt er mich.
„Versprochen!“ Mit feierlichem Gesicht hebe ich die Hand und bin mir doch nicht sicher, wann ich endlich dazu komme, die Geschichte weiterzuschreiben. Denn vor der Todessteinfortsetzung liegt noch die Story von Julian & Rock, die ins Café Cinnamon gehört, und Evan und Richard wollen unbedingt, dass ich erzähle, was alles rund um das House of Paradise passiert, und dann gibt es da noch eine kurze Story, passend zu Halloween. Aber in diesem Augenblick will ich glauben - wenn sie in Valan den ersten Vollmond des Winters feiern - spätestens dann beginne ich, ihre neue Geschichte!
„So, und jetzt muss ich neue Kunststücke lernen, die ich beim Geschichtenerzählen aufführen kann! Husch! Ilan warten sicher schon auf dich“, sagte ich und scheue Kara vom Schreibtisch, zurück in den Roten Wald.
Mit einem schlechten Gewissen greife ich nach meiner Sporttasche, trotte zum Auto und mache mich auf den Weg zum Yoga-Kurs.